30. Juni 2020, 17:06

DAX tritt auf der Stelle – Ein historisches Börsenhalbjahr geht zu Ende

Es gibt derzeit keinen triftigen Grund, Aktien zu verkaufen. Die Argumente wie die stärkste Rezession seit der Nachkriegszeit mit Firmenpleiten und hoher Arbeitslosigkeit sowie das Risiko einer zweiten Ausbreitungswelle des Coronavirus mit nochmaligen Lockdowns haben auch schon nichts bewirkt, als sich die Kurse vom Crash so imposant erholten. Die Anleger sind mit ihrer aktuellen Rendite zufrieden und verspüren keine Not, ihre Aktien zu verkaufen. Auf der anderen Seite gibt es aber auch nur sehr wenig Gründe, gerade jetzt Aktien zu kaufen. Und so resultiert daraus eine Seitwärtsbewegung, die den Deutschen Aktienindex seit zwei Wochen einen Handelstag nach dem nächsten ohne klare Richtung beenden lässt.

Das erste Börsenhalbjahr, das heute endet, dürfte in die Geschichte eingehen. Noch nie ist der DAX so rapide gefallen und fast genauso rapide wieder gestiegen. Das zweite Quartal war das beste seit Jahrzehnten an der Börse. Die Anleger hoffen, dass sie für ihre Vorschusslorbeeren, die sie dem Aktienmarkt gegeben haben, zeitnah mit wieder besseren Wirtschaftsdaten belohnt werden. Denn noch geht ein großer Teil der Anleger davon aus, dass die Konjunktur wieder anspringen wird, auch wenn das Virus nicht aus der Welt ist. Zudem funktioniert der antrainierte Reflex, eine expansive Geldpolitik mit steigenden Börsenkursen zu verbinden. Zu groß ist dagegen die Angst, sich gegen die Zentralbanken zu stellen, was sich in den vergangenen Jahren oft als Fehler herausstellte.

US-Notenbankchef Jerome Powell sprach gestern von einem unerwartet früh einsetzenden konjunkturellen Aufschwung und befeuert damit die durch Liquidität schon getriebene Rally zusätzlich. Dass Powell auch von Gefahren und Herausforderungen spricht, nimmt man auf Investorenseite eher sportlich. Notfalls hofft man auf noch mehr geldpolitische Eingriffe der Notenbank, die den Aufschwung keinesfalls gefährden möchte. Ob sich der Glaube an den Vollkasko-Schutz bei der Aktienanlage am Ende allerdings auszahlen wird, kann nur die Zukunft zeigen.

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Jochen Stanzl

Jochen Stanzl ist Chef-Marktanalyst bei CMC Markets in Frankfurt. Davor war er über 15 Jahre bei der BoerseGo AG als Finanzmarktanalyst tätig.